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07.03.2019

Wer hat Angst vorm Grauen Star?

Text von Helmut Brandes, erschienen im Martiniboten des MGV Nottuln

In Anlehnung an einen alten Kinderreim müsste die Antwort lauten: NIEMAND. Zumindest für mich galt das nicht, meine Antwort: ICH! Da bin ich sicher nicht allein. Deshalb schreibe ich diesen persönlichen Erfahrungsbericht.

Ich habe mich im Augen-Zentrum-Nordwest in Ahaus einer Katarakt-Operation unterziehen müssen,  habe also neue Linsen bekommen. Danach wurde ich häufiger auf meine Erfahrungen angesprochen. Besonders von Menschen, die das noch vor sich haben, denn den meisten geht es wie mir: Man hat Angst vor einem solchen Eingriff! Eigentlich normal. Auch ich habe mit Gott und der Welt telefoniert, immer mit der Hoffnung, nicht mit negativen Folgen konfrontiert zu werden.

Schon vor längerer Zeit merkte ich, dass meine Sehkraft nachlässt. Trotz Brille. Na ja, man wird nicht jünger. Wahrscheinlich brauche ich irgendwann mal wieder eine neue Brille, dachte ich mir. Das hat aber noch Zeit. So schlecht sehe ich auch wieder nicht. Ist doch normal, dass ältere Semester etwas eingeschränkt sind. Fährt man halt etwas langsamer Auto und in der Dunkelheit möglichst gar nicht. Zum Lesen rückt das Buch dann eben näher an die Augen, zum Schluss sehr nahe. Unwillkürlich musste ich an meinen Vater denken. Für ihn war es völlig normal, dass alte Leute sehr schlecht sehen. „Schlechte Augen, keine eigenen Zähne mehr, nur noch wenige oder keine Haare mehr gehören nun mal zum Alter,“ sein Kommentar. Die Tageszeitung ließ er sich vorlesen und war trotzdem zufrieden. Mir bereitete mittlerweile das Autofahren zunehmend Probleme. Das habe ich am liebsten stehen gelassen, Bus und Bahn genommen.

Irgendwann musste ich feststellen, dass ich selbst auf dem Bahnsteig die Anzeigentafeln nur noch mühsam lesen konnte. Beim Wagenstandsanzeiger war endgültig Schluss. Jetzt wird es aber wirklich Zeit für eine neue Brille! Ich muss zugeben, dass ich mein Problem lange verdrängt habe. Was, wenn doch nicht nur eine neue Brille reicht? Ich hatte schlicht und ergreifend Angst. Natürlich war mir bekannt, dass der GRAUE STAR (Im Fachjargon Katarakt genannt) eine Augenerkrankung ist, die viele ältere Menschen betrifft. Ich wusste auch, dass nur eine Operation Abhilfe schaffen kann. Die trübe Linse wird im Rahmen einer Katarakt-OP gegen eine neue Linse ausgetauscht. Allein das Wort Operation macht ängstlich. Das klingt nach Schneiden und Schmerzen. Dann auch noch an den Augen? Was ist, wenn was schief geht? Wochenlang nicht lesen können? Anderseits wurde mein persönlicher Leidensdruck immer höher. Ich wollte, nein, ich musste einfach wieder gut sehen können. Also auf zum Augenarzt, natürlich verbunden mit der kleinen Hoffnung, dass doch eine neue Brille ausreicht. „Angst hat fast jeder, das ist normal. Im Gespräch versuche ich den Patienten die Angst zu nehmen, indem ich sie aufkläre,“ so Dr. Hendrik Buhl. Der Graue Star ist „nur“ eine Linsentrübung und der häufigste Grund hierfür ist das Älterwerden. So beträgt der Anteil der Patienten in der Praxis mit der Diagnose Grauer Star etwa 25 %. Der Altersgipfel liegt zwischen 70 und 85 Jahren. Die Operation ist Routine. Die Komplikationsraten sind sehr gering. Die Linsentrübung ist in der Regel nicht so weit fortgeschritten, dass die Operation sofort erfolgen muss. Die meisten Patienten haben also Zeit, sich in Ruhe über Operationsverfahren, Narkosemöglichkeiten und Linsentypen zu informieren.

„Mit den Patienten bespreche ich auch die Narkoseart. Viele sind überrascht, dass der Eingriff in der Regel sehr gut in örtlicher Betäubung durchgeführt werden kann. Andere wünschen ausdrücklich eine Vollnarkose oder Sedierung. Dabei gehen wir nach Rücksprache mit dem Narkosearzt auf die Wünsche der Patienten ein.  Im Übrigen steht das komplette Praxisteam jederzeit für Nachfragen vor und nach einer Operation zur Verfügung,“ erklärt Dr. Buhl mir überzeugend.

Nach der Untersuchung sprach er Klartext. „Ihr grauer Star ist schon ziemlich weit fortgeschritten, sie sollten das Auto stehen lassen“, seine Diagnose und Empfehlung. Damit war auch klar, dass ich sehr zeitnah behandelt, sprich operiert, werden musste. Also doch keine neue Brille, sondern unters Messer. Meine Sehleistung lag gerade noch bei 30 Prozent. Wie ist es eigentlich möglich, dass man selber kaum wahrnimmt, wie schlecht man tatsächlich sieht. Dazu Dr. Buhl: „ Der Prozess ist schleichend, man gewöhnt sich daran. Ich hatte schon Patienten, deren Sehvermögen bei 10% lag. Sie behaupteten, nicht nur gut sehen, sondern auch noch Autofahren zu können.“ Schon erstaunlich, woran sich ein Mensch gewöhnen kann. Es mag ja sein, dass ein blindes Huhn auch mal ein Korn findet. Ein Autofahrer sollte aber nicht hinter dem Steuer danach suchen.

Auf Nachfrage erklärte mir Dr. Buhl, dass in meinem Fall ohne eine Operation die Trübung zunehmen und zur Erblindung führen würde. Das macht nachdenklich, aber auch dankbar dafür, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu leben. Mir war unbekannt, dass zum Beispiel in Afrika bzw. in fast allen Ländern der sogen. Dritten Welt der Hauptgrund für eine Erblindung der Graue Star ist. Erste Operationen wurden schon vor 4000 Jahren durchgeführt. Die eingetrübte Linse wurde mit einer kleinen Lanze in den Glaskörper geschoben .Wegen der großen Zahl an Infektionen führte das dann gleichwohl oft zur Erblindung.  Die wohl wichtigste Erkenntnis ist dem britischen Augenarzt Sir Harold Ridley im 2. Weltkrieg zu verdanken. Dieser erkannte, dass Plexiglassplitter in den Augen britischer Piloten keinerlei Entzündungsreaktionen auslösten. 1949 wurde die erste künstliche Linse bei einer Patientin eingesetzt, aus Plexiglas.  Einen Meilenstein bei der Behandlung des Grauen Stars setzte Charles Keimann aus den USA im Jahr 1967. Von nun an konnte die Linse zerkleinert und abgesaugt werden. In den 80er Jahren wurden faltbare Kunstlinsen entwickelt, die Schnittgröße konnte deutlich reduziert werden. Auch die Linsenoptiken haben sich stetig verbessert. Der diesjährige Nobelpreis für Physik ging an drei Entwickler aus den USA, Kanada und Frankreich. Sie entwickelten den sogen. Femtosekundenlaser. Er wurde erstmals 2008 durch Zoltan Nagy in Budapest eingesetzt. Wichtige Operationsschritte können dabei computergestützt und dadurch exakter und noch sicherer durchgeführt werden. Eine wichtige Neuerung im Einsatz in der Katarakt-Chirugie.

Dr. Buhl nahm sich Zeit, klärte mich auf und nahm mir zumindest einen Teil meiner Angst. Es war gut zu wissen, dass er auch operiert. Der weiß, wovon er redet. Natürlich teilt man sein „Schicksal“ dem Freundes- und Bekanntenkreis mit. Bei mir durchweg älteren Semesters. Da kann man mich ruhig mal bedauern. „Ach so, na und?“ war eine erste Reaktion. In einer vertrauten Runde musste ich feststellen, dass ich nur einer von vielen war, dem eine solche Behandlung bevorstand. Auf Nachfrage gaben die meisten aber auch zu, dass sie nicht ganz unbefangen waren, Angst hatten. Gleichzeitig bekam ich witzige Anmerkungen mit auf den Weg: Du hast dich doch mal beschwert, dass es kaum noch Schwalben geben würde. Bin gespannt, ob du das nach deiner OP immer noch behauptest. Oder: Du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass dich morgens ein alter Mann aus dem Spiegel anschaut, der auch noch schlecht rasiert ist. Und: Du kennst doch einen Mundglasbläser, hast über ihn berichtet. Nimm den doch mit, der kann dir gegebenenfalls individuelle Glasaugen herstellen.  Ha, ha, selten so gelacht. Eine Aussage hat mich jedoch überzeugt. „Freu dich doch, dass du deine Sehprothese, sprich Brille, los wirst. Bei den Zähnen ist das ja umgekehrt.“

Zwei OP – Termine im Augen-Zentrum-Nordwest in Ahaus wurden mir genannt. Je näher der erste Termin kam, umso nervöser wurde ich. Mein Hausarzt hatte ein Einsehen und versorgte mich mit einem Beruhigungsmittel. Ich wollte vor der OP gut schlafen ohne Grübeleien oder Albträume. So konnte ein Freund morgens um 7.00 Uhr einen zumindest ausgeruhten Angsthasen nach Ahaus fahren. Dass ich nicht frühstücken durfte, hat mir nichts ausgemacht, ich hätte ehe keinen Bissen runter bekommen.

Routine im Wartebereich, es warteten noch mehr Leidensgenossen. Das hat mich beruhigt. Ich war nicht allein, einige saßen dort ziemlich entspannt, andere warteten wie ich still und ängstlich auf das, was nun kommen sollte. Als mir ein Mitpatient erzählte, dass er sich freue, dass nun sein zweites Auge dran wäre, habe ich ihn erstaunt angeschaut. „Wir sehen uns vielleicht gleich noch beim Frühstück,“ verabschiedete er sich, „die haben hier einen guten Kaffee.“ Da bekommt das Verb „sehen“ eine völlig neue Bedeutung. Der hatte Nerven, denkt an ein Frühstück und ist noch nicht einmal operiert.

Dann ging alles ganz schnell. Der Narkosearzt führte mit mir ein Gespräch, erläuterte den Ablauf der OP. Empfang im Vorraum, Platz nehmen auf einer Liege. Auch da war ich nicht allein. Dass mein Auge betäubt wurde, habe ich gar nicht gemerkt. Nach 10 Minuten war alles vorbei, gemerkt habe ich nichts. Klappe auf das Auge, raus aus dem OP, tatsächlich konnte ich frühstücken, auch für meinen Fahrer saß noch eine Tasse Kaffee drin. Der Kaffee war übrigens wirklich ausgezeichnet.

Der nächste Morgen. In der Praxis in Nottuln wurde mir der Augenschutz abgenommen. Sprachlosigkeit und Erstaunen. Ich konnte plötzlich klar und deutlich sehen. Erst da wurde mir richtig bewusst, wie beeinträchtigt mein Sehvermögen gewesen ist. Vier Wochen später die gleiche Prozedur, gleiches Ergebnis. Ganz nebenbei. Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich immer noch einen älteren Herrn, der wirkt aber etwas jünger, weil er keine Brille mehr trägt. Haben mir Freunde bestätigt. Es hat dann allerdings noch ein paar Tage gedauert, bis ich morgens meine nicht mehr vorhandene Brille vergeblich suchte.

Gott sei Dank habe ich diesen Eingriff vornehmen lassen. Meine Lebensqualität hat sich deutlich verbessert. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes wieder einen guten Durchblick. Ich genieße es, wieder unbeschwert und sicher Auto zu fahren. Freue mich über den klaren Blick vom Baumberg in die Ferne. Dafür habe ich ein bisschen „unberechtigte“ Angst gerne in Kauf genommen. Zumindest im Nachhinein. Was mich etwas ärgert, ist die Tatsache, dass ich diesen Schritt nicht schon früher gemacht habe, betrachtet aus der heutigen „Sicht“. Mein Dank gilt Herrn Dr. Buhl, der mir für meine Fragen zur Verfügung stand und mich damit fachlich unterstützte.